Eine Halbzeit absolute Spitze

Ein spannendes und schnelles Spiel erlebten wir zwischen den Bayern und unseren Mainzern. Zumindest im ersten Durchgang, denn den entschieden unsere Jungs mit 2:0 für sich. Und wie. Es war ein Spiel wie zu besten Mainzer Zeiten. Da konnte man nur den Kopf schütteln und sich im falschen Film wähnen. So gut wie in Halbzeit eins, so ließen sie jedoch im zweiten Durchgang nach, trafen aber auch auf wütendere Bayern.

Interimstrainer Jan Siewert hatte die Mannschaft gegen Bayern ziemlich umgebaut – umbauen müssen. Finn Dahmen musste für den kreuzgeplagten Robin Zentner ins Tor, Philipp Mwene sprang letztlich für den gelbgesperrten Niakhaté oder den erkrankten Kilian ein, wechselte dann auf die linke Außenverteidigerposition. Nach rechts außen kehrte Brosinski zurück. Alleine für den Sturm hatte Siewert Robin Quaison aufgeboten – Mateta saß zunächst auf der Bank. Burkardt und Boëtius spielten im offensiven Mittelfeld, Latza, Barreiro und Fernandes im defensiven – aus meiner Sicht, weil die offiziellen Darstellungen voneinander abwichen. Zumindest sah ich Fernandes häufiger im defensiven Mittelfeld. Auch auf der Bank saßen Akteure, die sonst zu Beginn – zumindest nach meiner Erinnerung – dort noch nicht gesessen hatten: Lavalee, Liesegang und Papela. Dazu außer Mateta noch Onisiwo, Bell, Stöger, Szalai und Bell.

Aus einer kontrollierten Defensive heraus nach vorne stoßen – das hatte Siewert seinem Team vorgegeben. Gleich zu Beginn machte die Mannschaft genau das. Und Burkardt hätte schon nach nicht mal 5 Minuten ein Ausrufezeichen setzen können, er war auf und davon nach einem hervorragenden Pass in die Tiefe von Boëtius, doch verhinderte Bayerns Torwart Neuer mit dem Fuß gerade noch Schlimmeres. Fast im Gegenzug konnte Dahmen gerade noch ein Tor Sanés verhindern. Keine 10 Minuten später hatten unsere Jungs ein Riesenglück, dass Tolisos Schuss nicht ins Tor ging. Gleiches noch einmal 10 Minuten später, da hatte erneut Toliso die Torchance auf dem Fuß, aber den Ball wohl zu überraschend bekommen.

Martin Schmidt nach dem Spiel.

Insgesamt liefen unsere Jungs sehr viel, stopften Löcher, wo sich welche auftaten, waren ständig in Bewegung und verteidigen kollektiv. Das sah alles aus nach dem Motto: Wir haben keine Chance, aber diese nutzen wir. Das war couragiert, das war kollektiv wunderbar anzusehen mit Kombinationen, Selbstbewusstsein und Szenen im gegnerischen Strafraum. Bislang gelang unseren Jungs zudem recht gut, Lewandowski und Müller im Zentrum abzuklemmen. Immer wieder fanden sie auch Räume nach vorne, kamen durch und vors Tor, aber trafen noch nicht.

War Burkardt in der 31. Minute noch nicht treffsicher genug, machte er es nur kurz darauf deutlich besser. Wunderbares Zuspiel von Latza auf den in der Spitze gleich dreifach gedeckten Burkardt, doch bekam er den Ball trotzdem, sprintete alleine auf Neuers Tor zu und machte das Ding mit einem fulminanten Schuss aus etwa 15 Metern. Irre! Foul, reklamierten hingegen die Bayern. Doch konnte der Video-Schiedsrichter das Gegenteil belegen. Der Treffer zählte. Unglaublich. Es tat dem jungen Burkardt sichtlich gut, auf seiner Stammposition zu spielen, nämlich im Sturm. Dass dann auch Dahmen einen starken Schuss von Lewandowski parierte, gehörte einfach dazu. Schließlich hatte Quaison auch noch das 2:0 auf dem Fuß, doch reagierte Neuer hervorragend.

Dann aber doch – unglaublich, unfassbar. Der Mann, der seit Wochen aufsteigende Form hat, Alexander Hack, erzielte das 2:0 für seine Farben. Nach einem von Brosinski getretenen Freistoß aus dem Zentrum erwischte er den Ball mit dem Kopf derart wuchtig und gezielt, dass Neuer keine Chance hatte. 45 Minuten waren schon mal herum, und es waren 45 Minuten, die niemand unseren Mainzern zugetraut hätte. Alle sprachen sie in der Pause von unglaublichen Veränderungen, von einem Geist in der Mannschaft, der sie gegenseitig unterstützen und immer das Richtige tun lässt.

Lothar Matthäus hatte in seiner Analyse zur Pause noch einen weiteren Indikator ausgemacht: Die Mainzer waren 5 km mehr gelaufen als die Gastgeber. Zu viele Leichtsinnsfehler, zu wenig Kompaktheit – das war eine weitere Aussage des Ex-Weltmeisters. Der die Wende für seinen ehemaligen Verein für möglich hielt. Konnten unsere Jungs also ihren Vorsprung halten?

Süle für Boateng war zunächst die einzige Änderung bei den Bayern. Unsere Jungs machten so weiter, und Latza hätte unbedingt das 3:0 machen müssen, so klar wie er vor Neuers Tor stand, da wähnte er sich vermutlich im Abseits. Es wäre wichtig gewesen. Denn nur drei Minuten später traf Kimmich zum Anschlusstreffer – nach einer bayerischen Kopfballstafette im Mainzer Strafraum. Dahmen blieb ohne Chance.

Nun kamen die Gastgeber häufiger nach vorne und es mehrten sich die Chancen der Bayern, auch weil unsere Jungs nicht mehr so giftig und nicht mehr so laufbereit waren. Sané machte den Ausgleich, umlief die Mainzer Defensive, suchte die Lücke und setzte den Ball ins Tor. Wie gewonnen, so zerronnen in nur 11 Minuten. Plötzlich wurden unseren Mainzern die Beine schwer. Das Kilometerpensum kostete seinen Preis. Oder konnten sie noch was nachlegen?

Quaison setzte kurz darauf wieder ein Ausrufezeichen mit einem Hammerschuss an die Unterkante der Latte – das Tor wackelte, der Ball knallte leider vor der Linie auf. 64 Minuten waren gespielt – der Schiedsrichter schritt nach dem vermeintlichen 3:2 der Bayern zum Anstoß für Mainz – da nahm er den Treffer zurück. Abseits zuvor, um Haaresbreite, entschied der Videoassistent. Glück gehabt. Zunächst. Denn kurz darauf traf Süle dann doch zum 3:2. Sein Schuss wurde noch unhaltbar abgefälscht. Der FCB begann nun, seine ganze Klasse auszuspielen.

Der nächste Schreck dann in der 74 Minute: Elfmeter für die Bayern, Barreiro hatte im Strafraum Gnabry erwischt. Lewandowski verwandelte sicher zum 4:2, acht Minuten später dann gar zum 5:2 durch eine ungeordnete Mainzer Defensive. Da ließen wir dann doch die Hoffnung auf wenigstens einen Punkt fahren. Wir waren dennoch froh, erlebt zu haben, wozu diese Mannschaft noch imstande ist.

Siewert brachte Stöger für Brosinski und Mateta für den heute starken Burkardt, später Szalai für Quaison und Papela für Mwene. Da passierte dann aber nichts mehr, es blieb beim 2:5.

Dennoch: Das war ein echtes Ausrufezeichen unserer Jungs, vor allem der jüngeren Spieler wie Burkardt und Dahmen. Der neue Trainer kann auf die Leistung in der ersten Halbzeit aufbauen. Sie schaffen es immer wieder mal mit sehr guten Szenen und schnellem Spiel – aber zum Schluss geht ihnen doch die Puste aus. Die meisten Gegentreffer, oder sagen wir die entscheidenden, kassierten wir meist zum Schluss eines Spiels. Auch hier kann ein neuer Trainer dran arbeiten.

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