Heidels emotionaler Appell an alle Mainzer

Es war das merkwürdigste Weihnachtsfest, das er je gefeiert habe, berichtete Christan Heidel bei seiner teilweise recht leidenschaftlichen Vorstellung als neuer 05-Sportvorstand während einer mehr als einstündigen Pressekonferenz. Ein merkwürdiges Fest nicht nur wegen Corona und des an Heiligabend ausgefallenen heimischen Herds, sondern auch wegen der Anfrage des Clubs für seine Rückkehr. Er habe die Weihnachtszeit tatsächlich dazu genutzt, eine Entscheidung zu treffen. An Heiligabend habe er Martin Schmidt angerufen und ihm seine Idee vorgetragen. „Wir haben nicht über Geld gesprochen, sondern über die grundsätzliche Idee, das gemeinsam zu machen.“ Und er habe gespürt, „dass es den Martin dann gepackt“ habe. „Wir haben ja eine gemeinsame Vergangenheit hier.“

„Es ist ein Gefühl wie nach Hause-kommen“, sagte Christian Heidel lächelnd, als er sich zum ersten Mal seit seiner Vorstellung zu Wort meldete. „Ich fühle mich gut.“ Und ähnlich äußerte sich Martin Schmidt, der neue Sportdirektor. „Ich habe Mainz 05 viel zu verdanken, bin froh, dass ich jetzt hier sein darf.“ Er sei dankbar und wolle allen etwas zurückgeben. Beide Protagonisten nutzten dann ihre Chance, die Entscheidungen der vergangenen Tage zu erläutern.

Wie wird es nun weitergehen? Wer wird neuer Trainer? Es sei ihm selbst wie auch Martin Schmidt schwer gefallen, Jan-Moritz Lichte freizustellen, so Heidel. Es wäre aber nicht der richtige Weg gewesen, Lichte gegen Bayern am kommenden Sonntag, sozusagen zum schwierigsten Spiel des Jahres, noch mal auf die Bank zu setzen. „Wir wollten einen Cut machen, wollten einen neuen Trainer“, sagte Schmidt. Deshalb werde man mit dem Chef-Nachwuchstrainer Jan Siewert in die erste Woche gehen. In die zweite Woche soll es dann mit einem neuen Trainer gehen. Zu Namen wolle man aber derzeit nichts sagen, doch gebe es konkrete Ideen. „Wir sind intensiv dran.“ Zu Bo Svensson befragt, sagte der Schweizer: „Wir kennen ihn, keine Frage, aber dazu sagen wir erst einmal nichts.“

Christian Heidels Vertrag läuft nun zunächst bis zum 30. Juni 2022 – wie auch Schmidts Kontrakt. Da es im Februar Wahlen zum neuen Aufsichtsrat gebe, wolle man diesem auch noch einmal die Chance geben, das Wirken Heidels selbst zu beurteilen, sagte Aufsichtsratschef Detlev Höhne. „Das war mein ausdrücklicher Wunsch. Für mich kam nur in Frage, ein halbes Jahr oder eineinhalb Jahre. Ich wollte nur zurückkommen, wenn ich das Gefühl habe, dass es alle im Verein so wollen“, sagte Christian Heidel. Ihm sei es wichtig, mit dem Aufsichtsrat auf derselben Welle zu sein. „Das geht nur über Einheit.“ Und das bedeute nicht, dass er in eineinhalb Jahren wieder weg sei. So aber habe das neu gewählte Gremium mit vielleicht neuen Leuten die Chance, sich selbst ein Bild zu machen.

Und dann ging Christian Heidel doch noch so richtig aus sich raus: Geschockt habe ihn die Meldung eines Blatts, Mainz warte auf den Messias. Es habe ihn an einigen Stellen, vor allem in sozialen Medien, schockiert, was er so gelesen habe und wie man miteinander umgehe, teilweise bis tief ins Persönliche hinein. „Das kenne ich von uns Mainzern nicht. Entweder sind wir Mainzer und wir stehen zusammen und gehen zusammen oder wir sind es nicht. Ja, Zusammengehen ist doch insbesondere in wirklich wichtigen Phasen das Mittel, wieder in die Spur zu kommen.“ Natürlich wurden Fehler gemacht, sagte Heidel, der an dieser Stelle recht emotional wurde. „Die sind uns früher aber auch passiert.“ Aber trotz aller berechtigten Kritik müsse man immer das Gefühl haben: Wir sind Mainzer und das ist unser Verein. Es sei ihm ein Anliegen, die Mainzer hier wieder zu mobilisieren.

Das sei der Grund gewesen, warum er zurückkommen möchte: „Das geht hier nur gemeinsam.“ Natürlich sei Kritik erlaubt. Der Umgang miteinander habe ihn aber schockiert. Doch gehe Mainz 05 hier in eine falsche Richtung. Auch früher seien Spiele verloren worden und habe nicht alles funktioniert, doch sei man da wieder rausgekommen. Aber immer gemeinsam. Bei aller Kritik müsse immer gelten, „das ist mein Verein.“ Das habe für ihn auch gegolten, als er nicht da gewesen sei. „Wir müssen uns jetzt gegen diesen Abstieg wehren. Die Mannschaft an erster Stelle. Aber auch wir Mainzer. Am besten geht es heute Mittag noch los. Und das geht nur gemeinsam.“ Klar sei auch: „Wir werden trotzdem Enttäuschungen erleben, aber über diese Enttäuschungen müssen wir wieder hinwegkommen.“

Er werde künftig aber nicht mehr auf der Bank sitzen. Das habe nichts mit seiner Erkrankung aus dem Vorjahr zu tun. „Ich bin topfit.“ Er wolle auch nicht mehr derjenige sein wie vor 25 Jahren, der Mädchen für alles ist. Er sei sehr, sehr froh, dass der Verein nun anders aufgestellt sei und die Geschäfte nicht in einer Person kumulieren. Doch sei er es letztlich gewesen, der die Umstrukturierung des Vereins gefordert habe. Die Gespräche mit Detlev Höhne und Stefan Hofmann seien auch gut und professionell gewesen, die Aufgaben klar aufgeteilt. Er werde sich nun ein bisschen zurückziehen, aber nicht, um sich auszuruhen. „Martin wird an der Front sein und auch die Gespräche mit der Presse führen.“ Er selbst habe großes Interesse zu arbeiten. Vor allem auch an den strategischen Überlegungen für die Zukunft.

Was war mit Rouven Schröder? Heidel versuchte klarzumachen, dass er mit Schröder ein gutes Verhältnis habe. Er habe ihn dabei haben wollen, „da hatte ich ein sehr gutes Gefühl und daran geglaubt, dass Heidel-Schröder gut klappen könnte. Und Rouven ganz vorne. Ich habe dem Rouven niemals den Job wegnehmen wollen.“ Er sei dann überrascht gewesen, dass Schröder „dann andere Vorstellungen gehabt habe“. Das habe nichts mit seiner Person zu tun, sagte Heidel. Nach Schröders Entscheidung habe er dem Verein dann zunächst abgesagt, dann aber über Weihnachten über andere Konstellationen nachgedacht. Schließlich habe er jemanden gesucht, dem er genau so vertraute wie Schröder – Martin Schmidt – und habe trotzdem zugesagt.

Zurück zu einem Fußball, der uns alle begeistert
Er wisse, er habe noch nicht alles gelernt, sagte Martin Schmidt, das werde er aber noch aus sich rausquetschen. „Einen besseren Lehrer kann ich nicht finden“, sagte der Schweizer an die Adresse Heidels. Er habe früher schon als Trainer und verstärkt noch in den vergangenen Monaten die Zeit genutzt, stärker strategisch zu planen und zu denken. „Ich habe gemerkt, dass ich da immer häufiger reingehe und diese Bausteine alle mitbringe.“ Das habe er Christian Heidel gegenüber auch mal geäußert. Sein Antrieb sei es nun, zusammen mit Christian Heidel etwas zu entwickeln. Nun wolle er einen neuen Trainer finden und das spielen, was Mainz ausgemacht habe. Wieder zu den Wurzeln. „Das war ein Fußball, der die Leute begeistert hat. Die Begeisterung beginnt immer auf dem Platz.“ Der Pressing- und der schnelle Umschaltfußball habe seine Wurzeln in Mainz. „Den Anspruch stellen wir an uns, einen Fußball zu spielen, der alle begeistert.“ Das sei die Aufgabe eines neuen Trainerteams. Die Resultate jetzt könne man nicht mehr ändern, sagte Schmidt, der sich philosophisch gab: „Den Wind jetzt können wir nicht drehen, aber wir können die Segel anders setzen. Wir wollen uns hier in Mainz wehren gegen alle Widrigkeiten.“

Wie müsse sich das Team verändern? „Dieses Team war auch schon erfolgreich, es hat sich nicht viel verändert. Ich bin davon überzeugt, dass da viel Qualität drin ist.“ Doch müsse ein Trainer kommen, der alle in die gleiche Richtung bringe, der Grundtugenden vermittle. Erst dann komme die Qualität des Teams zum Tragen. Die Führung werde dann beim neuen Trainer liegen. Er, Schmidt, werde nicht in die Kabine gehen und einzelne Spieler ansprechen.

Nicht die ganze Mannschaft auswechseln
Sowohl er als auch Christian Heidel hätten schon alles erlebt in Mainz. Höhen wie Tiefen. Er sei überzeugt davon, dass man es schaffen könne, den Abstieg zu verhindern. Was Heidel bestätigte: „Wir werden jetzt nicht die ganze Mannschaft auswechseln. Das ist auch gar nicht die Absicht. Ich glaube, das sind alles gute Fußballer. Das sieht man ja schon an deren Schwankungen und den Ergebnissen. Dem muss man auf den Grund gehen und ein Gefühl entwickeln, was wir tun können. Wir brauchen jetzt erst einmal mehr Einblick.“ Heidel wird auch deshalb ganz kurzfristig den Kontakt zu Rouven Schröder herstellen, weil er die Mannschaft gut kenne „und zwischen uns überhaupt nichts ist“. Schröder habe seine Bereitschaft auch deutlich mitgeteilt.

Noch gebe es eine gute Möglichkeit, wieder aus dem Tabellenkeller zu kommen. „Mainz 05 wird aber nicht zusammenbrechen, wenn es mal in die Zweite Liga gehen sollte. Wir trauen uns aber zu, in der ersten Liga zu bleiben.“ Erst dann rede man über die Zweite Liga. „Alle denen Mainz 05 am Herzen liegt, müssen uns unterstützen.“ Die Mannschaft müsse merken, „die Stadt steht hinter ihrem Verein, dass wir hinter den Jungs stehen“. Wie in alten Zeiten. „Ich traue mir zu, zu versprechen, dass wir die Mannschaft, ohne jetzt mit ihr gesprochen zu haben, dazu bringen werden, dass sie diesen Rasen umpflügt. Ich weiß, das ist so ein dummer Spruch, aber der passt hier eigentlich.“ Auch wenn jetzt kein Zuschauer ins Stadion könne, müsse jeder versuchen, seine Verbundenheit mit Mainz 05 zum Ausdruck zu bringen.

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