Schröder wirft hin, Heidel zögert – 05 ohne Plan B

Zerfahrene Situation beim Fußball-Bundesligisten Mainz 05: Sportvorstand Rouven Schröder wirft hin, Christian Heidel kommt erst einmal nicht, und Jan-Moritz Lichte bleibt Cheftrainer. 05-Aufsichtsrats-Vorsitzender Detlev Höhne und Vorstandschef Stefan Hofmann bemühten sich bei einer Pressekonferenz am Abend, den Ball flach zu halten. „Es herrscht keinerlei Chaos“, meinte Höhne beschwichtigend. Christian Heidel, der Ex-Manager des Vereins, wolle einige Tage nachdenken, ob er das Angebot des Vereins annimmt, sich im Vorstand zu engagieren. Er hatte zuvor stets betont, nur zusammen mit Rouven Schröder aktiv werden zu wollen, will aber auch nicht mehr an vorderster Front stehen.

Offenbar sieht Schröder selbst keine Perspektive mehr unter diesen Voraussetzungen, er hätte sich seine Aufgaben ja mit Heidel teilen müssen. Der scheidende Sportvorstand hatte noch einen Vertrag bis 2024, bat aber um Auflösung. Ist Schröder zurückgetreten, weil er nicht mit Christian Heidel zusammenarbeiten wollte? Über Schröders Beweggründe wollte Detlev Höhne keine Details nennen und verwies auf eine „Verschwiegenheitsklausel“. Doch drückte sich der Aufsichtsratschef letztlich um eine klare Aussage. „Das müsst Ihr Rouven Schröder fragen.“ Er kenne die Gründe nicht, sagte Höhne auf Nachfrage. „Ich habe ihn nicht gefragt.“ Schröder sei zwar nicht mehr Sportvorstand, stehe aber vorerst weiter zur Verfügung, es gebe auch angesetzte Gesprächstermine zur bevorstehenden Transferperiode, sagte Höhne.

Er habe zudem „keinen angepissten“ Schröder erlebt, sagte Höhne auf Journalistenfragen, ob diesem die neue Konstellation mit Heidel nicht gepasst hatte. Von sich aus sagte der Aufsichtsratschef nicht, dass er versucht habe, Schröder zum Bleiben zu bewegen. Erst auf Nachfrage sagte er: „Ich mag ihn. Er ist einer, der Mainz 05 gelebt hat, ich mag diesen Kerl. Es ist einer, der zu uns gepasst hat. Wir haben uns in die Augen geschaut. Ich hab ihn lange angehört, und er hat mir zugehört. Das war ein völlig faires Miteinander und eine gute Aussprache.“ Schröder verzichte sogar auf eine Abfindung.

Wie kam nun der Name Christian Heidel überhaupt wieder ins Spiel? Ursprünglich sei geplant gewesen, ihn für ein Projekt „Strategie 2030“ zu gewinnen, sagte Höhne. Er habe da an Christian Heidel gedacht, der bereit war, sich zu engagieren, wenn alle im Verein bereit seien, seine Mitarbeit anzunehmen. Dafür sei eine weitere, eine vierte Vorstandsposition vorgesehen gewesen, so Höhne. Schröders Kündigung sei dann auch für Heidel überraschend gewesen.

Stefan Hofmann räumte ein, dass Christian Heidel der Zeitdruck jetzt bewusst sei. Er habe ihn kontaktiert und ihm gesagt: „Wir sind komplett im Krisenmodus.“ Heidel will jedoch Bedenkzeit. Ursprünglich hatte er gesagt, er wolle gerne helfen, jedoch nur dann, wenn seine Hilfe von allen im Verein akzeptiert werde und er vor allem nicht mehr an vorderster Front stehe. Er, Hofmann, hätte das ursprünglich sehr gerne sowohl mit Schröder als auch mit Heidel durchziehen wollen. Das hat nun nicht hingehauen. Nun hängt alles in der Luft, alles von Heidels Entscheidung ab. Dennoch sagte Stefan Hofmann: „Wir stellen uns jetzt neu auf“, dann werde der neue Sportvorstand auch entscheiden, wer Trainer sein werde. So lange bleibe Jan-Moritz Lichte Trainer. Ob auch danach noch sei derzeit offen. Wie er den Verein neu aufstellen wolle – das ist zur Stunde freilich völlig ungeklärt. Das nächste Bundesligaspiel ist am 3. Januar beim FC Bayern.

Eine seltsame Pressekonferenz war das, möcht ich kommentieren. Als ob ein Vorgesetzter seinen Top-Angestellten nicht danach gefragt hätte, warum er hinschmeiße. Und wenn ich versuche, zwischen den Zeilen zu lesen, wollte Schröder niemandem im Wege stehen, sich aber auch nicht in die Geschäfte hineinreden lassen. Christian Heidel hingegen will nicht alleine ganz vorne stehen, was vielleicht mit seinem Herzinfarkt vor etwa einem Jahr zu tun haben könnte. Nunmehr haben wir im Verein the worst case, würde ich sagen. Wer solch neue Konstellationen herstellen möchte wie jene mit Heidel – und die Idee dazu kommt wohl von Detlev Höhne – der muss das behutsam machen und alles vorab „wasserdicht“ eintüten, weil er Macht- und Kompetenzstrukturen ändert, Autoritäten infrage stellt. Wenn Höhne Schröders Beweggründe deshalb nicht nennt, weil er den Verein durch seine Pläne erst in diese Schieflage gebracht hat, dann fände ich das nachvollziehbar. Aber feige. Ungeschickt. Und traurig. Auf keinen Fall professionell. Vielleicht aber hatte sich Schröder auch angesichts der Entwicklung selbst schon nach einem neuen Engagement umgesehen und wollte nichts darüber sagen.

Den Verein jetzt neu aufzustellen, wie Hofmann sagte, kann dauern, falls Heidel absagt. Da gibt es dann keinen Plan B. Ihm sei der Zeitdruck bewusst, sagte der Vorstandschef, aber er gehe davon aus, dass sich Heidel schnell entscheide. Entweder lässt da jemand bewusst eine Schamfrist verstreichen, da sich der Pulverdampf nach Schröders Abgang noch nicht recht verzogen hat oder es ist wirklich alles offen. In jedem Fall keine gute Gemengenlage. Nein, für mich hat unser Vorstand keine gute Figur hinterlassen. So desolat habe ich unseren Verein noch nicht erlebt, derart tief hineingefahren und ohne echte Perspektive. Wird extrem „spannend“, wie das noch weitergehen soll…

Das Pokalspiel an diesem Mittwoch gegen Bochum – Fragen dazu kamen nicht. Auch keine gute Voraussetzung.

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