Warum bis nach dem Pokalspiel mit Entscheidungen warten?

13 Spiele sind gespielt, sechs Punkte eingefahren – vorletzter Tabellenplatz. Was kann und muss getan werden, wie kriegen wir die Mannschaft, ja den ganzen Verein, wieder in die Spur? Angesichts der sportlichen Situation droht dem Club Schlimmeres, darauf hat die Wortpiratin zu Recht hingewiesen: Nicht wenige Vereine werden in solchen Situationen von Leuten mit eigener Agenda gekapert. Aus Angst davor dürfen wir dennoch die Diskussion über Verantwortliche nicht scheuen. Gerade jetzt, da Aufsichtsrat und Vereinsvorsitzender Anfang kommenden Jahres neu gewählt werden.

Fehler wurden gemacht. Und sind hinterher immer leicht benannt: Klar, mit Achim Beierlorzer hätte man aus meiner Sicht nicht in die neue Saison gehen dürfen. Da wussten die Verantwortlichen von Problemen. Haben sie auch die Mannschaft gehört? Ehrlich mit ihr gesprochen? Offen? Vor allem Sportvorstand Rouven Schröder geriet hier immer wieder in die Kritik. Wo er nun erneut steht (klick). Dann sind da auch die Transfers. Eigentlich die Paradedisziplin von Schröder. Zur jetzigen Saison gab es nur wenige Abgänge und nur wenige Zugänge. Auch weil die Corona-Pandemie unserem Club die Transferpläne erschwerte – es boten sich deutlich weniger Möglichkeiten. Erfüllen denn alle Spieler die Profile auf ihren jeweiligen Positionen, die wir für den Mainzer Spielstil suchen? Warum spielt ein Luca Kilian, dessen Profil ja gesucht war, derzeit nicht? Und gibt es diesen typischen Mainzer Spielstil überhaupt noch, der angeblich sogar ins Leitbild des Vereins gehört?

Außerdem gingen die Einnahmen infolge TV-Pause und mangels Zuschauer drastisch zurück. Unser Verein sah sich dann gezwungen, den Defensiv-Allrounder Ridle Baku zu verkaufen, um mit dem Erlös die Kosten zu stemmen. Der junge Mann schlägt in Wolfsburg gerade ein neues Kapitel auf, während sich kaum einer der verbliebenen Akteure zuletzt in überzeugender Form zeigte. Trainer Jan-Moritz Lichte hat es zwar geschafft, mehr defensive Stabilität in die Mannschaft zu bringen, aber dafür schießt sie vorne keine Tore. „Wir müssen die Balance besser hinkriegen“, sagte er im Nachgang zum Bremenspiel und wirkte dabei auf mich eher ratlos. Die Balance zwischen defensiver und offensiver Stärke. Für den Fan klingt das sehr nach Theorie.

Jan-Moritz Lichte

Praktisch macht das Team zu viele Fehler. Seit Monaten. Wie dieses 0:1 gegen Bremen zu verhindern gewesen wäre – geschenkt. Die Flanke darf nicht kommen, der Verteidiger muss beim einschussbereiten Gegner sein, der Torwart kann auch rauslaufen. Das wissen alle. Warum aber tun sie nichts? Die Mannschaft ist angesichts ihres Streiks zu Beginn der Saison mehr denn je in der Pflicht. Aber sie liefert nicht. Manche Leistungen sind unterirdisch, sowohl individuell als auch mannschaftlich. Klar, viele unserer Spieler stehen in der Pandemie ohnehin schon mehr unter Druck, kommen seltener zu ihren Familien. Aber damit müssen auch alle anderen Teams klar kommen.

„Alles Söldner“ ist immer wieder zu lesen. Halte ich für Unsinn. Letztlich kann es zwar hilfreich sein, wenn ein Spieler mit seinem Umfeld verankert ist – aber das ist im Profifußball kaum mehr zu erfüllen. Genau wie der Wunsch, die Spieler mögen sich voll und ganz mit ihrem Verein identifizieren. Da ist vieles verloren gegangen. Doch ist jedem Spieler klar, dass er sich als Tabellenvorletzter nicht ins Schaufenster stellen kann und sein Marktwert sinkt. Die anhaltenden Negativschlagzeilen schaden allen – aber genau darauf sollte man die Jungs immer wieder mal hinweisen.

Die Wortpiratin schrieb in ihrem wunderbaren Blogbeitrag (klick), dass die aktuelle Situation nicht an einzelnen Personen festzumachen ist. Nein, das geht nicht mehr, weil auch einige nicht mehr da sind. Dennoch: Aus Angst vor einem kompletten Zerfall des Vereins sollten wir eine Diskussion über Personen nicht scheuen. Wir müssen über die Verantwortlichen reden. Aber mit Bedacht. Einige Fans mögen blind vor Enttäuschung und Ärger sein, sollten aber einen kühlen Kopf behalten. Alles Lamentieren und jeder Ärger über Fehler in der Vergangenheit bringen uns jetzt nicht weiter. Die Gefahr, dass der Verein auseinanderfällt, sehe ich tatsächlich als gegeben.

Viele wünschen sich Christian Heidel zurück
Okay, ich betrachte die Dinge ausschließlich von außen, kenne kaum Interna. Doch halte ich Jan-Moritz Lichte für einen guten Konzepttrainer, der bereits etwas bewirkt hat und der bleiben sollte. Aber er braucht aus meiner Sicht einen in Abstiegskämpfen erfahreneren Beistand, einen, der zudem mehr Zuversicht ausstrahlt als er selbst, der gleichzeitig die Jungs richtig fordernd in die Pflicht nimmt, einen, der aber dabei auch verdammt gut motivieren kann. Mir scheint, dass viele Spieler längst auch ein mentales Problem haben, nicht mehr an sich glauben, nicht an den Verein und nicht an eine Wende – genau diese brauchen eine andere Ansprache. Wir wissen ja, dass sie mehr können. Sie haben es oft genug bewiesen.

Der Christian Heidel muss zurück, fordern einige (Klick). Na sicher, dann wird alles gut. Garantiert. Warum sollte es? Will der Mann überhaupt – in der bestehenden, neuen Vereinsstruktur? Angeblich basteln sie schon daran, dem einstigen Manager einen neuen Posten einzurichten. Zu wünschen wäre für mich, dass Christian Heidel in beratender Funktion dazukommt. Damit er eine zweite fachliche Meinung, seine Erfahrung wie auch seine Kontakte einbringen kann. Alles andere würde Rouven Schröders Position schwächen – den ich auf keinen Fall hier wegdiskutieren möchte. Insgesamt wünsche ich mir aber deutlich mehr Verantwortliche, die in Mainz und der Region extrem gut verwurzelt sind. Mit Stadionsprecher Andreas Bockius haben sie einen guten Anfang gemacht. Das gehört auch zu diesem Leitbild.

Zurück zum Spielbetrieb: Lichtes Tage als Cheftrainer scheinen gezählt, eine Entscheidung soll es nach dem Pokalspiel gegen Bochum geben (Mittwoch, 20.30 Uhr), wie Vorstandschef Stefan Hofmann ankündigte. Man wolle „alles für den Ligaverbleib mobilisieren“ (Klick), wird er zitiert. Warum dann aber warten, bis das Pokalspiel gegen Bochum vielleicht auch verloren ist? Rouven Schröder sollte sich aus meiner Sicht jetzt nach einem zweiten guten Mann umsehen, die Kreditlinien ausschöpfen und für die Rückrunde nach Verstärkungen fahnden – gerne ein paar Führungsfiguren wie Nigel de Jong, die auf dem Platz dirigieren, den Jungs ihre Erfahrung mitgeben können. Und Selbstvertrauen.

Ohne Investitionen wird es nicht gehen, denn auch ein Abstieg kostet Geld. Aus der Zweiten Liga wieder nach oben zu kommen, ist ungleich schwieriger, als in Liga eins zu bleiben. So lange das in der jetzt zerfahrenen Situation überhaupt noch möglich ist. Letztlich geht es auch darum, die Fans bei der Stange zu halten. Viel zu oft höre ich heute: Mainz 05 ist nichts Besonderes mehr. Es ist leider wahr. Zu viele haben dem Verein den Rücken gekehrt, enttäuscht vom Wandel in der Struktur, dem Streit über die Führungsfiguren, verärgert über die Situation rund ums neue Stadion und natürlich gefrustet vom sportlichen Niedergang.

Wenn wenigstens die Leistung wieder stimmt, lassen sich die anderen Aufgaben leichter angehen. Dann können wir auch daran arbeiten, wieder etwas Besonderes zu werden.

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