Die beängstigende Talfahrt des 1. FSV Mainz 05

Neuanfang mit neuem Trainer? Alles zurück auf Los? Wer den 1. FSV Mainz 05 bei Union Berlin spielen sah, konnte diesen Eindruck wahrhaftig nicht gewinnen. Im Gegenteil: Die Talfahrt des 1. FSV Mainz 05 geht rasant weiter. Atemberaubend. Beängstigend. Und wo sie endet, wenn das nicht aufgehalten wird, wissen wir alle.

Für sein erstes Punktspiel in seiner neuen Rolle als Cheftrainer brachte Jan-Moritz Lichte erstmals den nach seiner Covid-Erkrankung genesenen Pierre Kunde, musste den gelbgesperrten Niakhaté und den nach Wolfsburg abgewanderten Baku ersetzen. Er berief Phillipp Mwene und Alex Hack in die Verteidigung. Sie sahen sich gleich dem in die Bundesliga zurückgekehrten Max Kruse gegenüber. Und der machte – leider – schon in der 13. Minute per Kopf das 1:0. Das Tor gelang Union durch eine schöne Kombi nach vorne, Kruse blieb ungedeckt und ihm gelang ein sehr gezielter Kopfball. Das hatte Qualität.

Schien geschockt: Trainer Jan-Moritz Lichte

Weitermachen. Lichte ließ sein Team weiter hoch stehen. Es ging nur nicht immer konsequent genug auf den Ballführenden und in die Zweikämpfe. Sie hatten zwar ihre Chancen, brachten die Bälle in den gegnerischen Strafraum hinein, blieben dort aber hektisch und zu unpräzise, brachten nichts Zwingendes zustande. Im Mittelfeld konnten unsere Nullfünfer die vom Trainer geforderte Kompaktheit nicht immer herstellen, zu viele Bälle gingen verloren, und vielen Pässen fehlte die Genauigkeit. Fehlpässe, Fehlpässe, Fehlpässe. Einer dieser Fehlpässe führte in der 28. Minute fast zum 2:0, wieder durch Kruse. Boëtius‘ Fehlpass brachte keine zwei Minuten später erneut Gefahr – und einen Eckball für Union. Der ungefährlich blieb.

Unsere Jungs beschwerten sich immer wieder über Fouls des Gegners, die ungeahndet blieben. Zu Recht – auch wenn ich die Vereinsbrille aufhabe. Aber Schiedsrichter Stegemann brauchte knapp 22 Minuten, um den gelben Karton endlich gegen den Unioner Trimmel zu zücken. Das änderte freilich alles nichts am unpräzisen Passspiel unserer Mainzer. Immerhin: In der 38. Minute brachte Mateta für seine Farben sowas wie den ersten Torschuss zustande. Auch die Zweikampfquote wurde besser. Kurz vor der Pause machten unsere Farben mehr Druck.

Es waren keine vier Minuten im zweiten Durchgang gespielt, da sahen sich unsere Jungs wieder mal in der Rückwärtsbewegung. Und nahmen praktisch ohne Gegenwehr den Treffer zum 2:0 hin. Erneut nur mit nach hinten gelaufen, zu weit weg vom Gegner, ohne Eingriffsmöglichkeit. Schlichtweg passiv. Da gefiel schon die Körpersprache einfach nicht. Keine Präsenz. Keine Struktur in der Defensive, keine Ordnung. Sorry, so ist das einer Bundesliga-Mannschaft nicht würdig. Schreibe ich natürlich bei allem Ärger, muss man aber im Vergleich quer durch die Liga so bemessen.

In dem Maße, in dem Union nun mehr Zutrauen ins eigene Spiel fand, umso verbissener hielten unsere Mannen dagegen. Da gelang kaum mehr etwas. Lichte reagierte relativ früh, wechselte in der 60. Minute positionsgetreu Nebel für Kunde ein sowie Burkardt für Mateta. Die Jungen und eher Unbekümmerten.

Doch konnten die Youngsters zunächst nur zuschauen, wie Union bei einem Freistoß das 3:0 erzielte. Friedrich völlig frei per Kopf. Nur 35 Sekunden später, der Berliner Neuzugang Pohjanpalo war gerade eingewechselt worden, da setzte er noch einen oben drauf, haute das Ding gleichfalls unbedrängt zum 4:0 in die Maschen. Defensiv fiel die Mannschaft erneut komplett auseinander.

Lichte brachte einen weiteren Defensivmann, Neuzugang Kilian, für Quaison sowie Aaron für Mwene. Brosinski wechselte auf die rechte Außenverteidigerposition. Abpfeifen, abpfeifen, mochte man immer wieder rufen. Doch mussten unsere Jungs in dem Hexenkessel, in dem 4500 Zuschauer so viel Lärm machten wie 20.000, einfach durchhalten. Aber es tat weh, diesem Mainzer Spiel zuzusehen. In dieser Form sind wir für fast jeden Klub ein willkommener Gegner. Verstärkung tut Not.

Wie geht es weiter? Geben wir dem Trainer mehr Zeit. Denn klar ist: Innerhalb von drei Tagen kriegst du keine neue Grundordnung in die Mannschaft, nicht noch mehr dringend notwendige Ballsicherheit, Passsicherheit, die es braucht. Da muss jede Menge Grundlagenarbeit getan werden, dafür hat Trainer Lichte jetzt wenigstens 14 Tage, die Länderspielpause, um einigermaßen was Grundsätzliches einzuüben. Vor allem in der Defensive, da hat der Trainer die größte Baustelle. Wenn das nicht gelingt, dann droht der Untergang unserer Profis.

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