Klassespiel mit Riesen-Emotionen

Wie nur soll ich das in Worte fassen, was sich an diesem Samstag in unserem Stadion zugetragen hat? So viele Emotionen… Unbeschreiblich. Die Verabschiedung von Niko Bungert, vielen anderen Spielern, Stadionsprecher Klaus Hafner, eine wunderbare Choreo der Fans (Foto oben) – und, ach ja, überhaupt das Spiel gegen die TSG Hoffenheim, die mit einem Sieg den Einzug in die Euro League klarmachen wollte. Das wurde zur spannenden und schnellen Jagd mit verrückten Höhepunkten. Alles drin: Gelb-rot, Elfmeter nach Videobeweis, zurückgenommenes Tor… sensationell ein 0:2 zur Pause im zweiten Durchgang in ein 4:2 gedreht. Und keine Angst vor sechs Minuten Nachspielzeit – da treffen wir, weil wir es unbedingt wollten.

Das war überhaupt die Ansage gewesen vor diesem letzten Spiel der Saison 2018/2019 – unbedingt gewinnen wollen. Die Wünsche der Frankfurter Eintracht blieben da außen vor, ihr auf diese Weise in die Euro League zu verhelfen. Die Aufstellung machte jedoch schon klar, dass es Trainer Sandro Schwarz eindeutig ernst meinte: Ujah und Mateta, die „Eintrachtkiller“, ganz vorne, Boëtius auf der Zehn, Latza und Gbamin auf der Acht, Kunde auf der Sechs, Bungert – nun wirklich in seinem allerletzten Punktspiel – in der Innenverteidigung, Niakhaté auf gewohnter Position daneben, Brosinski und Aaron außen. Überraschend stand Robin Zentner zwischen den Pfosten – Müller sei angeschlagen, hieß es. Vorab: Der zweite Keeper machte seine Sache sehr gut.

Der Torwart auf der anderen Seite, Oliver Baumann, leider auch. Der Hoffenheimer vereitelte etliche hervorragende Chancen unserer Nullfünfer. So misslang die letzte Aktion wieder mal zu oft, während die TSG nur 12 Minuten bis zum ersten Treffer brauchte: Unsere Abwehr ließ sich in diesem Moment immer weiter in ihren 16er abdrängen, ohne dass ein Spieler mal überhaupt versucht hätte, energisch auf Gegner oder Ball zu gehen. Bungert wich vor Belfodil zurück, und der schlenzte das Ding an Zentner vorbei genau in den Winkel. Ein Tor von der Marke vermeidbar – wie so einige in dieser Saison. Der Angriff der Hoffenheimer hätte weiter vorne gebremst werden können.

Gebremst ging unser Team aber nicht ans Werk. Ganz im Gegenteil. Kunde, Gbamin, Boëtius, Aaron, Latza – sie schickten ihre Mannschaft immer wieder in den Angriffsmodus. Ballgewinn – und ab die Kirsche. 😉 Da die TSG dieselbe Masche bevorzugte, ging es munter rauf und runter mit etlichen Torszenen. Eher überraschend, dass es unser Team war, das sich den nächsten Treffer einfing. Kramaric mit einem seiner berühmten Freistöße – kurz und trocken von der Strafraumkante ins linke Eck. Zentner hatte sich kurz zuvor in die andere Richtung bewegt und den Schuss vielleicht gar nicht gesehen, weil er in die Mauer schaute. 0:2.

Und trotzdem hatte ich selbst in dieser Szene noch das Gefühl, dass in diesem Spiel was für uns drin war. Einfach weil das Team weiter Vollgas gab und munter attackierte. Da sollte noch was kommen. Eine Menge sogar.

Zunächst der Platzverweis für TSG-Spieler Baumgartner kurz vor Ende des ersten Durchgangs (41.); der Sünder hatte in seinem zweiten Foul Zentner umgetreten. Dann klappte Grillitsch noch Latza im Strafraum zusammen  (64.), doch ließ Schiri Aytekin erst mal weiterlaufen. Dann der Hinweis der Videokollegen per Funk: Noch mal anschauen. Aytekin tat’s und gab einen Strafstoß für Mainz, den Brosinski hart vollstreckte. Endlich der Anschlusstreffer, nur noch 1:2.

Was dann passierte, war so richtig nach dem Geschmack von uns Zuschauern: Die Jungs drehten richtig auf und spürten, dass noch was geht. Schwarz wechselte, brachte Onisiwo für Ujah und Maxim für Kunde, später Ötztunali für Latza. Immer nervenaufreibender wurde die Begegnung: Boëtius traf zum 2:2, doch Aytekin nahm den Treffer dank Video-Schiri zurück, weil der Niederländer den Ball zuvor mit der Hand berührt hatte (75.). Zu diesem Zeitpunkt dürften Eintrachtfans so ziemlich mit flatterndem Nervenkostüm nach Mainz geschaut haben – die „Hühner“ brauchten mindestens ein Remis der Nullfünfer für ihre Euro League-Teilnahme.

Acht Minuten später machte es Boëtius genauer, spritzte in einen schlechten Pass der TSG und katapultierte den Ball ins lange Eck. Jetzt aber doch 2:2. Welch ein Jubel auf den Rängen, unbeschreiblich! Und doch – da sollte noch einiges mehr kommen! Denn endlich bekamen unsere Nullfünfer Platz zum Kontern. Während Hoffenheim den Gastgebern bislang kaum Raum zum Umschalten geboten hatte, mussten die Kraichgauer nun aufmachen. Zentner ließ sich dann auch von Kramaric nicht ein weiteres Mal foppen, er parierte den nächsten Freistoß von der Strafraumkante.

Unser Team wollte aber sichtbar mehr, es lauerte auf Umschaltchancen. Und die gab es, weil Hoffenheim hier noch alles versuchen musste. Boëtius vollendete bei einem Konter dann erneut selbst zum 3:2 – die Stimmung im Stadion überschlug sich. Spiel gedreht und eine beeindruckende Vorstellung geboten, bei der auch der eingewechselte und wundersam gewandelte Onisiwo wieder seine Anteile hatte. Vor allem beim letzten Treffer – der Österreicher servierte den Ball auf Mateta, der seinen 14. Treffer erzielte. 14 Tore in seiner ersten Bundesligasaison – unglaublich, was der Franzose in dieser Spielzeit zeigte. Dass sich TSG-Trainer Julian Nagelsmann zum Spielende nicht respektvoll von ihm behandelt fühlte, war vielleicht auch zu einem guten Stück dem Frust über die Auswärts-Niederlage nach 2:0-Führung geschuldet.

Klar – der Platzverweis hatte seinen Anteil an diesem umjubelten 4:2. Aber das war es nicht allein. Hier entschied letztlich auch der Wille, dieses Spiel unbedingt gewinnen zu wollen. Auch wir wenn das Ziel, Tabellenplatz zehn, verfehlten, ja, nicht mal den Fassenachtsplatz 11 erreichten. Dafür gab es jede Menge Anerkennung, Zuwendung und Spaß nach den letzten drei Spielen.

War echt ein emotionales Ding. Auch mit Euch noch mal in der Stadt an unseren einschlägigen Stationen gewesen zu sein. Das war ein Saisonausklang nach Maß. Und nicht klagen, weil jetzt eine fußballlose Zeit beginnt. Am 16. August geht es wieder los.

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